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(Funkkorrespondenz Nr. 26/2009)

Dem Hörspiel in Deutschland geht es gut. Bei zehn öffentlich- rechtlichen Sendeanstalten werden regelmäßig Stücke produziert und gesendet, es dürften insgesamt 500 pro Jahr sein. Vielfalt blüht – vom guten alten Krimi bis zur hochgelobten Klangkunst, zum “Experiment”. Auch belebt die föderale Konkurrenz das Geschäft. Kein Land in der Welt macht es in dieser Hinsicht den Deutschen nach.

Und doch: Als protegiertes Minderheitenprogramm steht das Hörspiel im Windschatten der großen Kulturdebatten, die sich an allem Möglichen entzünden, nur nicht am Radio. Dabei fehlt es nicht an Kreativität.

Seit 2002 treffen sich im schleswig-holsteinischen Rendsburg Freunde, Macher und Experten des Hörspiels zum Erfahrungsaustausch. Aus einem Schreibseminar wurde ein Kolleg über “das Hören sowie die akustischen Möglichkeiten von Hörspielen”, und vom “traditionellen”, dem “erzählenden” Hörspiel landete man schnell bei der “Vielfältigkeit radiophoner Kunstformen”. So debattiert man seither vor allem über Spezifisches. Über “Stimm- und Sprachexperimente” (2005), “Erzählstrategien” (2006), “Sound, Musik und O-Ton” (2007) oder “Experimentelle Verfahren in Hörspiel, Feature und Radiokunst” (2008).

Beim jetzt unter dem Titel “Hörspiel ist schön!” erschienenen Sammelband der vergangenen sechs Rendsburger Jahre muss eines in Kauf genommen werden: An Ort und Stelle bezogen sich die Referate meist auf Hörbeispiele. Die fallen nun weg. Abhilfe immerhin gibt es beim tiefsinnigen Spaßvogel Frieder Butzmann und seiner futuristischen Thesen-Performance “Trugfehler, Scheise und Plabberlapap ins Radio!”.

Mittels zusätzlichem Download lässt sich nicht nur lesen, sondern auch hören, wie da ein “neues”, seinen Urgründen verbundenes Hörspiel herbeigeredet, -gesungen, ja, -geschrieen wird. Es ist sehr erfrischend, den Beschwörungen des Elementaren, den Appellen (mehr Humor, mehr Misslingen, mehr Schrei), den Zitaten und Definitionen (“Blasen auf dem Meer der Stille”) zu lauschen.

Droht dem Hörspiel Gefahr vom Radio und seinen Konventionen, so besteht doch kein Anlass zur Sorge. So stellt Sabine Breitsameter in ihrem lesenswerten Beitrag fest, die Radiokunst sei zwar “mehr als alle andere Kunst [...] eine `verwalteteŽ Kunst”, habe aber gleichwohl eine “medienspezifische künstlerische Materialästhetik” hervorgebracht, die sich immer wieder erneuere, wenn “Kreative”, “Zauberer”, “Schöpfergeister” den “Zugriff auf die Gestaltung der Apparatur Radio” erhalten. Zauberer dieser Art arbeiten gerne mehrgleisig und, der alles verwandelnden Technik sei Dank, nonverbal: mit dem Klangkörper Stimme, mit Klängen, mit Geräuschen. Wenn für den Hörspielmacher Ulrich Bassenge am Anfang “nicht der Logos, sondern der Laut” steht, entspricht dem das Interesse, das Hans-Ulrich Wagner dem “Sound” des Radios der 1950er Jahre entgegenbringt: vom “ernsten Verlautbarungsstil” bis zum “Funk in Jeans und Pulli” (und, so könnte man ergänzen, zum heutigen Plaudertaschenton nicht nur der Popwellen, sondern auch der Kulturradios). Erst im Abstrahieren von Inhalten, so scheint es, wird das Wesen des Hörspiels greifbar. Dann definiert es sich auch durch seine Abgrenzung vom “Literarischen”. Hörspiel, so der Klangkunstexperte Andreas Hagelüken, habe nicht mit “konventionellem” Erzählen zu tun, sondern “zu allererst mit der Hörbarkeit der Materialien”.

Werkstattberichte, die viel bieten

So lässt man sich hier denn auch lieber auf Macharten und Verfahren ein als auf Stoffe oder Themen. In dieser Hinsicht bieten die Werkstattberichte viel. Wenn Michael Lissek das Feature als “Jonglage mit akustischen Existenzzeichen der Welt” bezeichnet, seinen Kollegen Jens Jarisch weniger “die Darstellung einer Objektivität” interessiert, als darzustellen, “wie ich eine Situation erlebt habe”, dann sind das aber auch Belege für eine neue, subjektive Richtung des Radiofeatures. Dass der Radiobetrieb so wenig vorkommt, fällt allerdings auf. Wie aus einer anderen Welt kommt da die NDR- Hörspieldramaturgin Hilke Veth einher, die sich an der Frage abarbeitet, “warum es sich für eine Autorin oder einen Autor lohnt, für das Radio zu arbeiten”, die von der “dritten Blüte” des Hörspiels spricht, vom “immateriellen Gewinn” und davon, dass das “alte Erzählhörspiel” weiterlebe.

Die meisten Autoren des Bandes interessiert anderes, etwa die Frage, was überhaupt ein Hörspiel sei. Und wo die Definitionen regieren, kommen leicht die Themen abhanden. Lohnen würde es sich aber auch, einmal die Programmatik deutscher Hörspielredaktionen unter die Lupe zu nehmen, anstatt sie, wie es verschiedentlich geschieht, als “literarisch” abzutun. Die großen literarischen Projekte des Bayerischen und des Hessischen Rundfunks etwa, sie hätten es schon verdient, einmal unter die Lupe genommen zu werden.

Jochen Meißner/Uwe Krzewina (Hrsg.): Hörspiel ist schön! Beiträge aus sechs Jahren Hörspielsymposion am Nordkolleg Rendsburg, Nordkolleg Rendsburg 2009, 236 S., 16,90 Euro