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„Künstler waren immer fasziniert von Neuerungen in der Technologie und in der Gesellschaft und haben Veränderungen der Weltwahrnehmung reflektiert. Man denke nur an die Zentralperspektive, die eine ganz neue Weltwahrnehmung repräsentierte, welche mit der Neuzeit eng verknüpft war und ihren naturwissenschaftlichen Entdeckungen. Ebenso haben um 1900 vor allem die Transportmittel, die Eisenbahn, das Flugzeug, und die Funktechnologie die Wahrnehmung verändert, weil sei ein ganz neues Verständnis von Raum und Zeit ermöglicht haben.”

Sabine Breitsameter:

Funkwellen sind unsichtbar, und deswegen mag es zunächst merkwürdig erscheinen, dass sich, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Bildende Künstler mit drahtlosen Technologien auseinandergesetzt haben. Katja Kwastek, was genau war es, was die Künstler damals an den neuen drahtlosen Technologien interessiert hat?

Katja Kwastek:

Künstler waren immer fasziniert von Neuerungen in der Technologie und in der Gesellschaft. Sie haben politische Veränderungen reflektiert und Veränderungen der Weltwahrnehmung. Man muss nur an die Zentralperspektive denken, die eine ganz neue Weltwahrnehmung repräsentierte, welche mit der Neuzeit eng verknüpft war und mit Entdeckungen die damals auf naturwissenschaftlichem Gebiet gemacht wurden. Genau so haben um die Jahrhundertwende die Transportmittel, die Eisenbahn, das Flugzeug und die Funktechnologie die Welt verändert, weil sei ganz neue Verständnisse von Raum und Zeit ermöglicht haben und neue Räume eröffnet haben: den Kommunikationsraum, den Informationsraum, den Weltraum. Plötzlich endete der Raum nicht mehr am Horizont, sondern es waren weite Strecken überbrückbar durch den „Äther“. Daher kann man den Anfang der künstlerischen Beschäftigung mit drahtlosen Technologien zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzen.

Sabine Breitsameter:

Welche Kunstrichtungen waren da Vorreiter?

Katja Kwastek:

Es waren vor allem die italienischen Futuristen, die russischen Konstruktivisten und in Frankreich besonders Robert Delaunay, die diese Technologien reflektiert haben. Zunächst haben sie diese nur in klassischen Medien reflektiert, haben in der Malerei versucht, ihren Stil dieser neuen Geschwindigkeit, diesen neuen Kommunikationsräumen anzupassen und sie abzubilden. Namentlich die russischen Konstruktivisten haben diese Technologie auch als künstlerisches Medium eingesetzt, z. B. 1919/1920 Wladimir Tatlin mit seinem „Monument für die Dritte Internationale“, das tatsächlich drahtlose Technologie als Krönung eines Staatsmonuments einsetzen wollte.

Sabine Breitsameter:

Wie sah dieses Monument aus? Was war damit geplant?

Katja Kwastek:

Tatlin hat einen Entwurf gemacht und ein Modell gebaut für ein Monument, das 400 Meter hoch sein sollte. Es war wichtig, dass es höher war als der Eiffelturm, der ja damals den Status Quo des technischen Monuments darstellte. Dieses Monument Tatlins sollte den Staatsorganen der Dritten Internationale als Versammlungsort dienen. Es gab darin Räume, die sich drehten, es bestand aus relativ kubischen Formen, die übereinander gelagert waren und bewegt wurden. Der oberste Teil dieses Monuments, das futuristisch komponiert war in einer Spiralform, sah ein bisschen schief aus, obwohl es statisch genau ausgerechnet war. Dabei hat es ich um eine Pressestation mit einer Funkverbindung gehandelt, die sogar Bilder übertragen sollte, was damals natürlich noch eine Utopie war. Tatlins Monument ist nie gebaut worden, es existieren nur sein Entwurf und ein gebautes Modell davon

Sabine Breitsameter:

Etwa zur selben Zeit hat sich der französische Künstler Robert Delaunay bildlich mit dem Eiffelturm auseinandergesetzt, der damals in Paris als Funkturm genutzt wurde. Warum ging es diesem Künstler?

Katja Kwastek:

Robert Delaunay ist ein Beispiel für jemanden, der sich stilistisch mit neuen Technologien auseinandergesetzt hat. Er ist in der klassischen Ölmalerei geblieben und hat eine große Serie zum Eiffelturm gemacht. Darin hat er den Eiffelturm tatsächlich als Monument einer neuen Welt dargestellt, von dem radiale, farblich stark akzentuierte Strahlen ausgingen, die in die ganze Welt strahlten. Es gibt Entwürfe von ihm, in denen die Bild-Unterschrift lautet: „La tour à l’univers s’addresse“ – „Der Turm richtet sich an das Universum“. Ihm war diese visionäre Idee wichtig.

Der Eiffelturm wurde als Funkstation genutzt, und für Delaunay war es sehr wichtig, ihn als Monument der Moderne darzustellen und auch stilistisch diese neue Weltwahrnehmung wiederzuspiegeln.

Delaunay war einer der wenigen, welche die Ästhetik dieses Baus erkannt haben. Das hat ihn fasziniert, ebenso wie die Stahlkonstruktion des Eiffelturms, die sehr stark mit geometrischen Formen arbeitet, und er hat versucht, das in seiner Malerei wiederzugeben.

Kasimir Malewitsch geht – etwa zur selben Zeit – noch weiter als Delaunay. Er hat versucht, stilistisch die neue Weltwahrnehmung umzusetzen, indem er völlig abstrakt wurde und versucht hat, diesen unsichtbaren Raum im Bild darzustellen. Aber: Wie will man etwas Unsichtbares im Bild darstellen? Im Prinzip ist sein berühmtes „Schwarzes Quadrat“ von ihm so was wie ein schwarzes Loch oder einfach die Darstellung der Unendlichkeit oder des unendlichen Universums. Von der Konzeption her ist es eine schwarze Fläche, die eben diese Unendlichkeit des Raums, des Datenraums, zu symbolisieren versucht. Letzteres ist nicht rückwirkend in das Bild hinein interpretiert, sondern es gibt tatsächlich auch Aussagen von Malewitsch, in denen er betont hat, dass es ihm darum ging in diesen Arbeiten.

Sabine Breitsameter:

Gibt es denn auch Künstler, die sich unter dem Eindruck der Funk- und Radiowellen von der visuellen Repräsentation gelöst haben?

Katja Kwastek:

Für uns besonders spannend sind Künstler, die drahtlose Technologien nicht nur motivisch oder stilistisch aufgenommen haben, sondern auch diesen Kommunikationsraum und die elektromagnetischen Wellen als Material nutzen wollten. Ganz wichtig ist da Marinetti, vor allem das Radiomanifest der italienischen Futuristen, die tatsächlich das Radio als neues Material der Künstler, auch der Bildenden Künstler, angesehen haben. Sie haben den Äther als einen zu gestaltenden Raum verstanden, der mit Tönen, mit Geräuschen gestaltet werden können sollte.

Ein grosses Problem war auch, dass gerade die Futuristen ihre Kunst sehr stark mit einer Verherrlichung des Kriegs verbunden haben. Dennoch sind die Werke faszinierend, auch wenn das, was inhaltlich dahinter steht, für uns nicht akzeptabel ist.

Sabine Breitsameter:

Wie haben sich Bildende Künstler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit drahtlosen Technologien auseinandergesetzt?

Katja Kwastek:

Der nächste, wirklich wichtige Schritt in dieser „Kommunikationskunst“ fand  in den 60er Jahren statt, weil da Künstler das, was schon durch die Futuristen visionär formuliert worden war, in die Tat umgesetzt haben. Sie haben dabei Kommunikation zum Material ihrer Kunst gemacht.

Ganz wichtig ist Nam June Paik,  der schon Anfang der Sechziger Jahre Satellitenkonferenzen angedacht hat und gesagt hat: ‚Das wäre doch toll, wenn man im Prinzip nicht nur Ton – oder Faxübertragung, sondern man auch tatsächlich Bildübertragung zwischen verschiedenen Kontinenten machen könnte. Man könnte gemeinsam ein Klavierkonzert aufführen: Einer spielt die linke Hand, einer die rechte Hand.’ Diese Idee hatte er ein Jahr, bevor der erste Nachrichtensatellit ins All geschossen wurde. Solche Projekte sind damals, Anfang der 60er Jahre, noch nicht realisiert worden. Die ersten Satellitenprojekte wurden zu  Beginn der Siebziger Jahre realisiert. Ganz bekannt ist z. B. die Eröffnung der Documenta 1977 mit Satellitenperformances von Künstlern.

Mit dem Aufkommen der Computernetzwerke und der Möglichkeit, Videos aufzuzeichnen, wurde dann sehr stark die Funktechnologie und die Datenübertragungstechnologie selbst zum Medium der Künstler.

In frühen Netzprojekten, wie sie Robert Adrian durchgeführt hat in den Achtziger Jahren,  z.B. in „Die Welt in 24 Stunden“, hat er rund um den Globus Künstlergruppen positioniert, die jeweils zu einer bestimmten  Stunde Werke produziert und herumgeschickt haben, per Fax, Slow-Scan-Television oder per Computernetzwerk. Da ging es bereits um diese neue Globalität, die entwickelt worden ist.  Das war ein ganz wichtiges globales Kunstwerk, das diese Kommunikationsmöglichkeiten zum Medium seiner Arbeiten gemacht hat.

Sabine Breitsameter:

Katja Kwastek, vielen Dank für das Gespräch.

Katja Kwastek, *1970, ist Assistentin am Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München mit dem Schwerpunkt Medienkunst. Sie untersucht digitale Medien als Instrument wie auch als Objekt der Kunst und Kunstgeschichte. Neben ihrer Mitwirkung in zahlreichen Projekten, u. a. in Workshops zur Dokumentation zeitgenössischer Kunst, ist sie Koordinatorin im E-Learning-Projekt „Schule des Sehens“. 1996-2001 war sie im Rahmen von Werkverträgen bei den Museen der Stadt Köln mit an der Konzeption eines computergestützten Informationssystems für das Wallraf-Richartz Museum beteiligt. 2000 promovierte sie an der Universität zu Köln zu einem Thema der italienischen Renaissance.

Publikationen  (Auswahl)

Global Games and Mobile Feelings. Interactivity between Expectation and Fulfilment, in: Transmitter, hg. von Hermann Noehring, Osnabrück 2004 (begleitend zum European Media Art Festival), S. 100-113.

Visualising Art History, 10th Computers and the History of Art Conference, London 2003.

Computer, Kunst und Kunstgeschichte (mit Hubertus Kohle), Köln  2003.

Bez-Künstler: Herstellung? – Inventarisierung als Kunst“ in: Nana Petzet, Nürnberg 2003.

“Interaktive Erinnerungsräume: LambdaMOOs und Lernen im CAVE als Erben des Simonides?”, in: zeitenblicke 2 (2003), Nr. 1 [08.05.2003], http://www.zeitenblicke.historicum.net/2003/01/kwastek/index.html .

Camera. Gemalter und realer Raum der italienischen Frührenaissance“, Weimar 2001.

In Vorbereitung: Ohne Schnur – Kunst und drahtlose Kommunikation, Katalog zur gleichnamigen, von Katja Kwastek kuratierten Ausstellung in Cuxhaven im April/Mai 2004.

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