»Schreiben mit dem Mikrophon. Das Atelier Création Radiophonique 1969 – 2001«

Das ACR war ein Kind des Pariser Mai 68. Seine Gründer verstanden es als ein institutionelles Experiment mit dem Ziel, eine neue Radiokunst zu schaffen, unabhängig von herkömmlichen Formen und Genre-Festlegungen. Man ging mit dem Mikro auf die Straße und befragte die wirkliche Welt. Einmal wöchentlich, zwei Stunden lang, bot die Werkstatt auf France Culture die Früchte ihrer Experimente dar. Das ACR arbeitete interdisziplinär – Musiker waren genauso beteiligt wie Schauspieler, Reporter, Dichter, Philosophen. Es vergab Projektaufträge, oft auch an Künstler, die bis dahin nichts mit dem Radio zu tun gehabt hatten; zahlreiche Sendungen wurden übersetzt, einige auch für das deutschsprachige Radio.

Von Anfang an suchte das ACR nach neuen Herangehensweisen an das Dokumentarische. Dafür stehen vor allem Kaye Mortley und René Farabet, der das Atelier über die ganzen 32 Jahre seines Bestehens leitete. In ihren Produktionen wird Realität nicht behandelt als etwas, dem sich der Journalist oder Autor mit einer festen Absicht oder anhand eines griffigen Themas nähert. Vielmehr geht man aus vom Material, vom Klang, der mit Hilfe von Mikro und damals noch Tonband aufgezeichnet wird wie in einem Notizbuch: Musik, Geräusche, Stimmen, gesprochene Texte sind gleichberechtigt. Aus diesem Rohmaterial entsteht die Sendung – aufgrund des assoziativen, intuitiven Hörens statt durch die Konzentration auf eine Idee. In einem künstlerischen Schaffensprozess wird das Material verändert, kombiniert, gemischt, ausgedünnt bis etwas neues entsteht – ein Klanggebilde, das den Hörer, ähnlich der Musik, zur Entdeckung neuer Welten einlädt, das ihn anregt zu neuen Erkenntnissen und Erfahrungen.