»Warten, in der Mitte einer Welt und ihres Geschehens, bis das Fremde auf einen zukommt…«. Zum Status des Features in der Poetik Hubert Fichtes.
In einer seiner wenigen Programmschriften, den „Ketzerischen Anmerkungen für einer neue Wissenschaft vom Menschen“ von 1976, nennt Hubert Fichte das Feature als eine der Formen, denen sein umfangreiches und intermediales poetisch-anthropologisches Werk die Gestalt und den Zusammenhang verdanke. Es sei für das Verständnis dieses Werkes wichtig gerade als „formal ganz ungeklärtes Gebilde“. Ungeklärt ist die Form des Features nicht zuletzt deshalb, weil der Begriff des Features zunächst so etwas wie eine „generische Form“ beschreibt, eine vorstrukturierte, freilich nicht auf die definitive Programmierung bestimmter Formen abzielende Rahmung von Materialien und Verfahren, aus der sich jeweils spezifische (künstlerische oder nicht-künstlerische) Formen herausbilden können. Die spezifische Form – das einzelne von Fichte produzierte literarische oder akustische Feature – bezieht ihre Kraft und Besonderheit nicht zuletzt aus der Unbestimmtheit der vorgängigen generischen Form. Wer Features macht, besteht nicht von vornherein darauf, Kunst zu machen. 
Gegenstand des Vortrags soll der Zusammenhang zwischen Fichtes Poetik der „Stoffgerechtigkeit“ und seiner Affinität zum Feature sein. Fichtes Misstrauen gegen eine dem Formwillen entsprungene Kunst und seinen Polemiken gegen die Fachethnologie ist die Intention gemeinsam, das Recht von „Stoffen“ gegen einen Ordnungssinn zu verteidigen, der sie benutzt, um sich an ihnen darzustellen. Im Feature sah Fichte (zeitweise) eine Form, die nicht sich selbst, sondern den Stoffen und der ihnen eigenen Besonderheit zur Erscheinung verhilft. Es korrespondiert als Form, die in der Zuwendung zu den disparaten Stoffen gewonnen wird, jener „Bewegung von innen nach außen“, die der Komparatist Gert Mattenklott die „Grundfigur“ des Werkes von Fichte nennt: „das Enthüllen, Vorzeigen, Ausstellen, Bekanntmachen, das Herausholen des Versteckten, Konturieren des Vagen, Artikulieren des Stummen.“ Bei Fichte entspricht dieser Grundfigur ein Impuls zur Entmächtigung des Künstlersubjekts, das sich bei ihm in ein Medium verwandelt, durch das die Dinge hindurchgehen können, ohne vom Künstler ihren Ort zugewiesen zu bekommen. Das Feature, so wie Fichte es versteht und praktiziert, ist ein Medium dieses Mediums, ein Medium der „Empfindlichkeit“. Es soll Stoffen in die Erscheinung verhelfen und dabei zu seiner jeweils spezifischen Form finden.
Mit der Verschränkung von „Stoffgerechtigkeit“, Kunstskepsis und phänomenologischem Stil ordnen sich Fichtes Features den Neoavantgarden der 60er Jahre zu. An deren gar nicht so schlechte Ästhetik soll der Vortrag auch erinnern.