»Das Ende des Monologs. Wie Michail Bachtin das polyphone Erzählen (er)fand«

Einmal, zu Anfang des letzten Jahrhunderts, als sich der Leningrader Literaturtheoretiker Michail Bachtin zur Romanlektüre zurückzog, hörte er plötzlich Stimmen. Sie klangen vertraut und streitlustig. Es waren die Protagonisten seines Lieblingsschriftstellers, Fjodor Michailowitsch Dostojewski, die zu ihm sprachen. Aber nicht nur zu ihm. Sie unterhielten sich auch untereinander. Bachtin war beeindruckt. So muss heute erzählt werden, fand er, so lebendig, so radikal vielstimmig, so “polyphon”. Wir Nachfolgenden verdanken Bachtin eine der ersten Feature-Theorien, die überhaupt geschrieben wurden. Und eine Reihe von erzähltheoretischen Denkanstössen. Zum Beispiel zum Umgang mit lebenden Protagonisten. Ob damit auch Dostojewski als der erste Feature-Autor betrachtet werden muss, darüber kann man streiten.